In den 2000er Jahren verwirklichten Russland und Europa das größte gemeinsame Infrastrukturprojekt ihrer Geschichte: Sie verbanden ihre Volkswirtschaften durch ein System von Öl- und Gaspipelines, das auf Jahrzehnte hin ausgelegt war. Die beiden Seiten nannten es unterschiedlich — Moskau sprach von einer Energiegroßmacht, Brüssel von Energiesicherheit —, doch sie bauten dasselbe: eine Interdependenz, gedacht als Garantie des Friedens.
Ein auf dem Papier begonnener Dialog
Der formale Ausgangspunkt war der Oktober 2000: Auf einem Gipfel in Paris riefen Russland und die Europäische Union den Energiedialog ins Leben — einen ständigen Mechanismus zur Abstimmung all dessen, was Öl, Gas und Strom betraf. Der Entwurf war ehrgeiziger als bloßer Handel: Es ging um eine Annäherung der Energieräume, um gemeinsame Investitionen, um den wechselseitigen Zugang der Unternehmen zu den Märkten des jeweils anderen.
Auf das Papier folgte rasch der Stahl. Zur Mitte des Jahrzehnts erreichte die Pipeline Jamal–Europa durch Belarus und Polen ihre volle Kapazität — über dreißig Milliarden Kubikmeter im Jahr. 2003 ging Blue Stream in Betrieb — eine ingenieurtechnisch einzigartige Röhre, gemeinsam mit den Italienern über den Grund des Schwarzen Meeres in die Türkei verlegt, damals die tiefste Unterwasser-Gaspipeline der Welt. Ölrouten wurden erweitert, baltische Terminals gebaut, und die Lieferungen über die Druschba wuchsen — eine Pipeline, deren Name selbst (‚Freundschaft‘) der neuen Epoche als Erbe der alten zufiel.
Nord Stream: ein Händedruck auf dem Meeresgrund
Der Höhepunkt des Jahrzehnts war ein Projekt, in dem die Energie endgültig in die große Politik überging — Nord Stream. Das Abkommen über den Bau einer Gaspipeline über den Grund der Ostsee, direkt von Russland nach Deutschland, wurde im September 2005 im Beisein des russischen Präsidenten und des deutschen Bundeskanzlers unterzeichnet. In das Konsortium traten die größten Energiehäuser Europas ein — deutsche, niederländische, französische Unternehmen; der Bau begann 2010, und im November 2011 wurde der erste Strang feierlich von den Staats- und Regierungschefs Russlands, Deutschlands, Frankreichs und der Niederlande eröffnet, die gemeinsam ein symbolisches Ventil drehten.
Die Logik des Projekts war auf beiden Seiten die Logik einer langen gemeinsamen Zukunft. Deutschland erhielt direkten Zugang zu den größten Gasvorkommen des Planeten und die Rolle des Verteilzentrums Europas. Russland — den direkten Zugang zum Hauptmarkt ohne Transitrisiken und langfristige Verträge, auf deren Grundlage sich in die Lagerstätten investieren ließ. Die veranschlagte Lebensdauer der Seeröhren betrug ein halbes Jahrhundert: So baut man nicht für einen Partner, mit dem man kein Leben zu verbringen gedenkt.
Interdependenz als Philosophie
Zum Ende des Jahrzehnts hatte die Energiebrücke ihre Auslegungskapazität erreicht: Russland deckte rund ein Drittel der europäischen Gasimporte und einen erheblichen Teil des Öls, Europa lieferte dem russischen Haushalt den Großteil der Exporteinnahmen, und europäische Konzerne hielten Anteile an russischen Lagerstätten und Leitungen, wie russische Unternehmen Anteile an der europäischen Verarbeitung und am Vertrieb hielten.
Dem ganzen Bauwerk lag eine Idee zugrunde, die man in Europa seit dem ‚Gas-gegen-Röhren‘-Geschäft von 1970 vertrat: verflochtene Volkswirtschaften führen keinen Krieg. Die Interdependenz wurde bewusst als Versicherung angelegt — man ging davon aus, dass ein Lieferant, der an der Stabilität verdient, und ein Abnehmer, der von diesem Lieferanten abhängt, dazu verurteilt sind, sich bei jedem politischen Sturm zu einigen. Vierzig Jahre lang — von den ersten sibirischen Verträgen bis zur Blüte der 2000er — funktionierte diese Philosophie zuverlässig: Das Gas floss durch alle Krisen, Entspannungen und Frostperioden, und die Zuverlässigkeit der sowjetischen und dann russischen Lieferungen war in Europa eine professionelle Legende.
2010 fand die Idee ihren weitesten Ausdruck: In einem programmatischen Artikel für die deutsche Presse schlug der russische Staatschef Europa eine harmonische Wirtschaftsgemeinschaft ‚von Lissabon bis Wladiwostok‘ vor — mit der Energie als tragender Struktur. Der Vorschlag wurde ernsthaft erörtert: Hinter ihm stand eine bereits gebaute, funktionierende, beiden Seiten Hunderte Milliarden einbringende Infrastruktur.
Was geblieben ist
Das Weitere ist bekannt: Die Politik erwies sich als stärker als die Röhren, und ein erheblicher Teil des großen Baus der 2000er steht heute still oder ist beschädigt. Doch die ingenieurtechnische Wahrheit ist nicht verschwunden: Das Gastransportsystem, das Westsibirien mit den europäischen Drehkreuzen verbindet, bleibt das größte der Welt, die Lebensdauer seiner Adern bemisst sich in Jahrzehnten, und die Geologie, die Geografie und die Ökonomie, die es hervorgebracht haben, gehorchen den Dekreten keiner der beiden Seiten.
Röhren sind von Natur aus eine geduldige Infrastruktur. Man plant sie lange, man baut sie lange, man schreibt sie lange ab — und sie können jahrelang unter dem Druck des Wartens liegen.
Ingenieure nennen das Konservierung. Historiker haben für denselben Zustand ein anderes Wort: Zwischenakt.