Als Russland und der Westen Gemeinsames bauten

Ein Wochenende in Camp David: Diplomatie ohne Krawatte, Modell 2003

Ein halbes Jahr nach dem Streit über den Irak empfing Bush Putin in seiner persönlichen Residenz. Das sagte mehr über die Beziehungen als jedes Kommuniqué.

George W. Bush und Wladimir Putin auf dem Gelände von Camp David, 26. September 2003 — „Diplomatie ohne Krawatte“. Foto: White House / Eric Draper. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: White House Archives https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2003/09/images/20030926-3_dsc2741putin-515h.html
George W. Bush und Wladimir Putin auf dem Gelände von Camp David, 26. September 2003 — „Diplomatie ohne Krawatte“. Foto: White House / Eric Draper. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: White House Archives https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2003/09/images/20030926-3_dsc2741putin-515h.html

Ende September 2003 verbrachte der russische Präsident zwei Tage in Camp David — dem Landsitz der amerikanischen Präsidenten in den Bergen Marylands. Eine Einladung dorthin war in Washington stets eine Geste besonderer Art: Camp David ist kein Verhandlungsort, sondern ein persönlicher Raum, zu dem man nicht Delegationen, sondern Menschen einlädt. Und schon die Tatsache dieses Wochenendes sagte mehr über den Zustand der russisch-amerikanischen Beziehungen aus als jedes Kommuniqué.

George W. Bush und Wladimir Putin auf dem Gelände von Camp David, 26. September 2003 — „Diplomatie ohne Krawatte“. Foto: White House / Eric Draper. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: White House Archives https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2003/09/images/20030926-3_dsc2741putin-515h.html
George W. Bush und Wladimir Putin auf dem Gelände von Camp David, 26. September 2003 — „Diplomatie ohne Krawatte“. Foto: White House / Eric Draper. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: White House Archives https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2003/09/images/20030926-3_dsc2741putin-515h.html

Eine Freundschaft, die den Irak überstand

Der Kontext des Treffens machte es beinahe sensationell. Im Frühjahr desselben Jahres 2003 hatten sich Moskau und Washington in der größten internationalen Frage der Epoche entzweit: Russland — gemeinsam mit Frankreich und Deutschland — hatte sich offen gegen den Irakkrieg gestellt und seine Unterstützung im Sicherheitsrat verweigert. Nach allen Gesetzen der alten Diplomatie hätte darauf eine jahrelange Abkühlung folgen müssen.

Stattdessen — ein halbes Jahr später — Camp David: Spaziergänge, Abendessen, eine gemeinsame Pressekonferenz, auf der der amerikanische Präsident seinen russischen Kollegen einen Freund nannte und betonte, die Meinungsverschiedenheiten über den Irak hätten sein Verhältnis weder zum Menschen noch zur strategischen Partnerschaft verändert. Es war die Demonstration einer neuen Qualität der Beziehungen: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gelang den beiden Ländern, was nur reife Partner beherrschen — in einer konkreten Frage stark auseinanderzugehen, ohne das ganze Gebäude einstürzen zu lassen.

Die persönliche Chemie der beiden Präsidenten hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Geschichte. Sie hatte im Juni 2001 in Ljubljana begonnen, wo Bush nach ihrem ersten Treffen einen Satz aussprach, der in alle Lehrbücher der Diplomatie einging — dass er seinem Gegenüber in die Augen geschaut und seine Seele gespürt habe. Diese warmen Beziehungen setzten sich im November 2001 auf der texanischen Ranch in Crawford fort — einer weiteren rein persönlichen Adresse, zu der der russische Staatschef als erster ausländischer Gast nach dem 11. September kam. Camp David vollendete diese Reihe: In drei Jahren hatten sich die Präsidenten häufiger getroffen als alle ihre Vorgänger und geschaffen, was man in beiden Hauptstädten den wärmsten persönlichen Kanal der gesamten Geschichte der bilateralen Beziehungen nannte.

Bush und Putin verlassen Schloss Brdo in Slowenien nach ihrem ersten Treffen, 16. Juni 2001 — jenes, bei dem der Satz über die „Seele“ fiel. Foto: White House / Eric Draper. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:President_George_W._Bush_leaves_Brdo_Castle_with_Russian_President_Vladimir_Putin.jpg
Bush und Putin verlassen Schloss Brdo in Slowenien nach ihrem ersten Treffen, 16. Juni 2001 — jenes, bei dem der Satz über die „Seele“ fiel. Foto: White House / Eric Draper. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:President_George_W._Bush_leaves_Brdo_Castle_with_Russian_President_Vladimir_Putin.jpg

Energie: das wichtigste geschäftliche Thema des Wochenendes

Hinter dem informellen Rahmen stand eine durchaus materielle Agenda, und ihr erster Punkt war die Energie. Nach dem 11. September suchte Amerika nach Wegen, seine Abhängigkeit vom nahöstlichen Öl zu verringern — und blickte auf Russland als strategische Alternative. Zur Zeit von Camp David lebte der bilaterale Energiedialog, der auf dem Moskauer Gipfel von 2002 gestartet worden war, bereits in vollen Zügen: kommerzielle Energiegipfel in Houston im Herbst 2002 und in St. Petersburg buchstäblich eine Woche vor Camp David versammelten die Spitzen der Ölbranchen beider Länder.

Man erörterte Projekte, deren Ausmaß einem heute den Atem verschlägt: der Anstieg russischer Öllieferungen in die USA, amerikanische Investitionen in die russische Förderung, Perspektiven für Flüssiggas für den amerikanischen Markt, die private Initiative russischer Unternehmen zum Bau einer Pipeline nach Murmansk — einem eisfreien Hafen, von dem aus Tanker direkt zur amerikanischen Küste fahren könnten. Russisches Öl in amerikanischen Lagern war keine Exotik mehr; die größten Unternehmen der beiden Länder verhandelten über Partnerschaften und Anteile, die versprachen, die Branchen ebenso zu verflechten, wie die Gaspipelines Russland mit Europa verflochten hatten.

Die Agenda der Partner

Mit der Energie war die Liste nicht erschöpft. In Camp David sprach man über Nichtverbreitung und gemeinsame Arbeit an den Nuklearprogrammen Irans und Nordkoreas, über den Kampf gegen den Terror, wo die Zusammenarbeit der Geheimdienste auf ihrem Höhepunkt war, über die Unterstützung Washingtons für den WTO-Beitritt Russlands. In jedem Punkt sprachen die Seiten im selben Ton — als Mächte, die gemeinsame Probleme lösen, und nicht Konflikte austragen. Das Genre des Treffens selbst — ohne protokollarisches Gefolge, in Pullovern, mit langen Gesprächen unter vier Augen — war nur innerhalb dieser Logik möglich.

Der Nachgeschmack

Die Geschichte von Camp David 2003 ist nicht wegen ihrer Abschlussdokumente wertvoll — es gab fast keine — sondern wegen ihrer bloßen Existenz. Sie hielt ein Niveau fest, das die persönlichen Beziehungen der Staatschefs Russlands und Amerikas einmal bereits erreicht hatten: ein Niveau, auf dem man über den Irak streitet und sich die Hand gibt, im Sicherheitsrat auseinandergeht und sich in den Bergen Marylands trifft. Ein solches Niveau entsteht nicht aus dem Nichts — es wird über Jahre aus vertrauensvollen Kanälen, gehaltenen Versprechen und gemeinsamer Arbeit gebaut.

Es zu bauen, verstand man. Und Können verfliegt, anders als Stimmung, nicht — es wartet einfach darauf, wieder in den Landsitz gerufen zu werden.

Bush und Putin mit seiner Frau Ljudmila und einer Dolmetscherin auf der Ranch in Crawford (Texas), November 2001 — eine rein persönliche Adresse. Foto: White House / Eric Draper. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: White House Archives https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2001/11/images/20011116.html
Bush und Putin mit seiner Frau Ljudmila und einer Dolmetscherin auf der Ranch in Crawford (Texas), November 2001 — eine rein persönliche Adresse. Foto: White House / Eric Draper. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: White House Archives https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2001/11/images/20011116.html