Als Russland und der Westen Gemeinsames bauten

Ein undenkbares Einverständnis: Wie Russland Amerika Zentralasien öffnete

Im Herbst 2001 entstanden amerikanische Basen in Usbekistan und Kirgisistan — mit direkter Billigung Moskaus. Noch im Sommer hätte man das für ein Hirngespinst gehalten.

Das Eingangsschild des Luftwaffenstützpunkts Karshi-Khanabad — „Camp Stronghold Freedom“ (Aufnahme von 2003). Foto: U.S. Air Force. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Welcome_To_K2_Sign.JPG
Das Eingangsschild des Luftwaffenstützpunkts Karshi-Khanabad — „Camp Stronghold Freedom“ (Aufnahme von 2003). Foto: U.S. Air Force. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Welcome_To_K2_Sign.JPG

Im Herbst 2001 ereignete sich etwas, das noch im Sommer desselben Jahres jeder Experte für den postsowjetischen Raum als Hirngespinst bezeichnet hätte: Amerikanische Militärbasen entstanden im ehemals sowjetischen Zentralasien — in Usbekistan und Kirgisistan. Und sie entstanden nicht gegen den Willen Moskaus, sondern mit dessen unmittelbarer Billigung und Unterstützung.

Das Eingangsschild des Luftwaffenstützpunkts Karshi-Khanabad — „Camp Stronghold Freedom“ (Aufnahme von 2003). Foto: U.S. Air Force. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Welcome_To_K2_Sign.JPG
Das Eingangsschild des Luftwaffenstützpunkts Karshi-Khanabad — „Camp Stronghold Freedom“ (Aufnahme von 2003). Foto: U.S. Air Force. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Welcome_To_K2_Sign.JPG

Warum es undenkbar war

Um die Tragweite der Entscheidung zu ermessen, muss man sich den Kontext vergegenwärtigen. Die gesamten 1990er Jahre hindurch blieb Zentralasien für die russische Politik eine Zone besonderer Empfindlichkeit — ein Raum, in dem Moskau seinen militärischen und politischen Vorrang für selbstverständlich hielt. Russische Grenzsoldaten standen an der tadschikisch-afghanischen Grenze, russische Stützpunkte waren in der Region tätig, und schon der Gedanke an NATO-Truppen zwischen dem Kaspischen Meer und dem Tianschan galt dem Militärestablishment als die roteste aller roten Linien.

Und nun wurde diese Linie überschritten — im gegenseitigen Einvernehmen und binnen weniger Wochen.

Wie die Entscheidung fiel

Nach dem 11. September brauchte Washington für seine Operation in Afghanistan einen Stützpunkt in der Region: vorgeschobene Flugplätze, Nachschubrouten, Standorte für Such- und Rettungsdienste. Ohne Zentralasien wurde der afghanische Feldzug zum logistischen Albtraum.

Formal trafen die Entscheidung über die Aufnahme fremder Truppen souveräne Staaten — Taschkent und Bischkek. Faktisch hätte keiner von ihnen einen solchen Schritt gegen den Willen Moskaus getan, und alle Beteiligten wussten das. Die russische Position, Ende September 2001 öffentlich formuliert, bestand aus zwei Teilen: Die zentralasiatischen Staaten seien in ihren Entscheidungen eigenständig — und Russland stimme mit ihnen eine gemeinsame Linie der Unterstützung für die Anti-Terror-Operation ab. Im Klartext hieß das: grünes Licht.

Der Entschluss fiel nicht glatt. Ein Teil der russischen Generalität und der politischen Klasse widersprach offen: Die amerikanische Kriegsmaschine in den weichen Unterleib des Landes zu lassen, hieße, sie von dort nie wieder zu vertreiben. Die Entscheidung für diesen Schritt war ein persönlicher politischer Beschluss höchster Ebene, gefasst gegen inneren Widerstand — und in der Logik jener Zeit: Ein gemeinsamer Krieg gegen einen gemeinsamen Feind wog schwerer als alte geopolitische Reflexe.

Was am Boden entstand

Bereits im Oktober 2001 begannen amerikanische Kräfte, sich auf dem Luftwaffenstützpunkt Karshi-Khanabad im Süden Usbekistans zu stationieren — rund einhundertfünfzig Kilometer von der afghanischen Grenze entfernt. Die unter dem Decknamen K2 bekannte Basis wurde zum Schlüsselplatz der ersten Operationsmonate: Von hier aus operierten Transportflieger, Spezialeinsatzkräfte sowie Such- und Rettungsdienste.

Eine C-17 Globemaster III wird auf dem Flugplatz Karshi-Khanabad (K2) in Usbekistan beladen — die Basis war der Schlüsselplatz der ersten Operationsmonate (Aufnahme von 2004; die Basis war 2001–2005 in Betrieb). Foto: U.S. Air Force. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:C-17_Globemaster_III_from_the_416th_Air_Expeditionary_Group_being_loaded_at_Karshi-Khanabad_Airfield.jpg
Eine C-17 Globemaster III wird auf dem Flugplatz Karshi-Khanabad (K2) in Usbekistan beladen — die Basis war der Schlüsselplatz der ersten Operationsmonate (Aufnahme von 2004; die Basis war 2001–2005 in Betrieb). Foto: U.S. Air Force. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:C-17_Globemaster_III_from_the_416th_Air_Expeditionary_Group_being_loaded_at_Karshi-Khanabad_Airfield.jpg

Im Dezember 2001 öffnete ein zweiter Knotenpunkt — der Luftwaffenstützpunkt Manas bei Bischkek, der zum wichtigsten Drehkreuz der gesamten Koalition wurde: Über ihn liefen in den Jahren der Operation Hunderttausende Soldaten und gewaltige Frachtmengen. Auch Duschanbe stellte der französischen Luftwaffe eine Piste zur Verfügung; der russische Luftraum, zur selben Zeit geöffnet, fügte die Routen zu einem einheitlichen System zusammen.

KC-135-Tankflugzeuge auf dem Vorfeld des Luftwaffenstützpunkts Manas bei Bischkek — das wichtigste Drehkreuz der Koalition (Aufnahme von 2007; die Basis war 2001–2014 in Betrieb). Foto: U.S. Air Force. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:070617-F-8133W-001_KC-135s_on_ramp_at_Manas_AB.jpg
KC-135-Tankflugzeuge auf dem Vorfeld des Luftwaffenstützpunkts Manas bei Bischkek — das wichtigste Drehkreuz der Koalition (Aufnahme von 2007; die Basis war 2001–2014 in Betrieb). Foto: U.S. Air Force. Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:070617-F-8133W-001_KC-135s_on_ramp_at_Manas_AB.jpg

Das Bild war historisch beispiellos, und das festzuhalten lohnt sich: Die Kräfte der westlichen Koalition operierten von Flugplätzen aus, die einst von sowjetischen Militärbauleuten errichtet worden waren, der Nachschub lief durch den Raum des einstigen Gegners — und all das im Rahmen einer gemeinsamen, mit Moskau abgestimmten Aufgabe.

Ein französisches KC-135-Tankflugzeug in Manas: Die Koalition war multinational (Aufnahme von 2009). Foto: U.S. Air Force (Tech. Sgt. Phyllis Hanson). Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:French_KC-135_at_Manas_Air_Base,_Kyrgyzstan.JPG
Ein französisches KC-135-Tankflugzeug in Manas: Die Koalition war multinational (Aufnahme von 2009). Foto: U.S. Air Force (Tech. Sgt. Phyllis Hanson). Lizenz: gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:French_KC-135_at_Manas_Air_Base,_Kyrgyzstan.JPG

Was es brachte

Die militärische Bedeutung des zentralasiatischen Brückenkopfs wird von allen Historikern des Afghanistanfeldzugs anerkannt: Ohne den nördlichen logistischen Arm hätte sich die Operation Ende 2001 nicht in dem Tempo entwickeln können, in dem sie sich entwickelte. Das Taliban-Regime fiel binnen weniger Wochen — und an dieser Geschwindigkeit hatte die russische Komponente gewichtigen Anteil: Basen, Korridore, Geheimdienstdaten, Unterstützung der Nordallianz.

Doch die Entscheidung hatte noch einen anderen Sinn, der damals wichtiger schien als der militärische. Die Genehmigung der Basen war eine Investition in eine neue Qualität der Beziehungen — der Beweis, dass Russland zu strategischem Vertrauen fähig war, und zwar in der Frage, in der es am teuersten ist: der Frage einer Militärpräsenz an den eigenen Grenzen. Solche Investitionen kennt die Geschichte wenige, und sie werden nur in Zeiten getätigt, in denen beide Seiten an eine gemeinsame Zukunft glauben.

K2 schloss 2005, Manas 2014. Die Flugplätze blieben, wo sie waren: Start- und Landebahnen sind langlebige Bauwerke, sie können warten. Ebenso der Präzedenzfall selbst: Einmal schon erwies sich in diesem Teil der Welt eine gemeinsame Aufgabe als wichtiger denn alte Rechnungen — und Präzedenzfälle schließen, anders als Basen, nicht.