Als Russland und der Westen Gemeinsames bauten

Der erste Anruf: Wie Russland Amerika nach dem 11. September unterstützte

Am 11. September 2001 erreichte als Erster der russische Präsident das Weiße Haus. Es begann die engste Phase der Zusammenarbeit Moskaus und Washingtons seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Zwillingstürme des World Trade Center brennen wenige Minuten nach den Anschlägen. New York, 11. September 2001, 09:03 Uhr. Foto: Kenneth Gross / NIST. Lizenz: gemeinfrei (Werk einer US-Bundesbehörde).
Die Zwillingstürme des World Trade Center brennen wenige Minuten nach den Anschlägen. New York, 11. September 2001, 09:03 Uhr. Foto: Kenneth Gross / NIST. Lizenz: gemeinfrei (Werk einer US-Bundesbehörde).

Am 11. September 2001, dem Tag der Anschläge auf New York und Washington, war es der russische Präsident, der als erster Staats- und Regierungschef der Welt im Weißen Haus anrief. George W. Bush war nicht erreichbar — die Air Force One befand sich in der Luft —, und das Gespräch nahm die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice entgegen. Moskau bot Hilfe an, noch bevor klar war, welche Hilfe überhaupt gebraucht würde.

Dieser Anruf eröffnete die intensivste Phase russisch-amerikanischer Zusammenarbeit seit dem Zweiten Weltkrieg — eine Phase, an die man sich heute auf beiden Seiten des Ozeans nur selten und ungern erinnert. Dabei war sie real: Sie dauerte mehrere Jahre und hinterließ durchaus materielle Spuren.

Wladimir Putin und George W. Bush in einer öffentlichen Schule in Crawford (Texas), 15. November 2001 — der Höhepunkt der russisch-amerikanischen Annäherung. Foto: Presse- und Informationsamt des russischen Präsidenten / www.kremlin.ru. Lizenz: CC BY 4.0 (Namensnennung www.kremlin.ru erforderlich).
Wladimir Putin und George W. Bush in einer öffentlichen Schule in Crawford (Texas), 15. November 2001 — der Höhepunkt der russisch-amerikanischen Annäherung. Foto: Presse- und Informationsamt des russischen Präsidenten / www.kremlin.ru. Lizenz: CC BY 4.0 (Namensnennung www.kremlin.ru erforderlich).

Eine Geste, die das Militär zu schätzen wusste

Schon in den ersten Stunden nach den Anschlägen tat Russland etwas, das die Fachleute in Washington bemerkten und sich merkten: Es setzte einseitig die planmäßigen Übungen seiner strategischen Streitkräfte aus. Die amerikanischen Streitkräfte waren in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden, und Moskau räumte bewusst alles vom Radar, was sich zweideutig hätte deuten lassen. Diese Geste kostete keinen Cent — und bedeutete sehr viel in einer Stunde, in der die Frühwarnsysteme am Limit liefen und Entscheidungen in Minuten fielen.

Fünf Punkte vom 24. September

Zwei Wochen später, am 24. September 2001, hielt der russische Präsident eine Fernsehansprache, in der er ein Fünf-Punkte-Programm zur Unterstützung der Anti-Terror-Operation darlegte. Russland verpflichtete sich, Geheimdienstinformationen über die terroristische Infrastruktur zu teilen, seinen Luftraum für humanitäre Lieferungen nach Afghanistan zu öffnen, mit seinen zentralasiatischen Verbündeten die Nutzung ihrer Flugplätze abzustimmen, sich an Such- und Rettungseinsätzen zu beteiligen und die Hilfe für die Nordallianz — die afghanischen Kräfte, die gegen die Taliban kämpften — auszuweiten.

Hinter dieser knappen Aufzählung standen noch kurz zuvor undenkbare Entscheidungen. Amerikanische Militärbasen entstanden in Usbekistan und Kirgisistan — in einer Region, die Moskau traditionell als Zone seiner ausschließlichen Interessen betrachtete — und sie entstanden mit unmittelbarer russischer Unterstützung. Die militärischen Transportflugzeuge der Koalition nahmen den Weg durch den russischen Himmel: Zum ersten Mal in seiner Geschichte öffnete das Land seinen Luftraum für fremde Militärlogistik in solchem Umfang.

US-Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Karshi-Khanabad (K2) in Usbekistan — Aufmarschbasis der Operation Enduring Freedom in Afghanistan (Aufnahme von 2004; der Stützpunkt wurde 2001 eröffnet). Foto: US-Verteidigungsministerium. Lizenz: gemeinfrei.
US-Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Karshi-Khanabad (K2) in Usbekistan — Aufmarschbasis der Operation Enduring Freedom in Afghanistan (Aufnahme von 2004; der Stützpunkt wurde 2001 eröffnet). Foto: US-Verteidigungsministerium. Lizenz: gemeinfrei.

Über Jahrzehnte gesammelte Geheimdienstdaten

Ein eigener Posten der Hilfe war das nachrichtendienstliche Material. Russland hatte den Afghanistankrieg der 1980er Jahre und die eigene Erfahrung im Kampf gegen den islamistischen Untergrund hinter sich; in seinen Archiven hatten sich Karten, Nachschubrouten, Daten über die Personalstruktur der Taliban und der mit ihnen verbundenen Gruppierungen sowie eingespielte Verbindungskanäle zu den Feldkommandeuren der Nordallianz angesammelt. All dies wurde der amerikanischen Seite übergeben. Später räumten Vertreter der USA ein: Ohne den russischen Datenbestand hätte man die afghanische Kampagne praktisch blind beginnen müssen.

Bezeichnenderweise waren diese Entscheidungen für Moskau nicht umsonst zu haben. Ein Teil der russischen Generalität widersprach offen einer amerikanischen Militärpräsenz in Zentralasien; die Zustimmung zu Basen und Korridoren war eine politische Entscheidung, getroffen gegen ernsthaften inneren Widerstand. Damals fielen auch die Entscheidungen, die Funkaufklärungsstation in Lourdes auf Kuba und den Militärstützpunkt in Cam Ranh in Vietnam zu schließen — symbolische Vorposten des Kalten Krieges.

Was daraus erwuchs

Der Herbst 2001 eröffnete eine Phase der Annäherung, die mehrere Jahre andauerte. Am 24. Mai 2002 wurde während des Besuchs von George W. Bush in Moskau der Vertrag über die Reduzierung strategischer Offensivpotenziale (SORT) unterzeichnet; wenige Tage später, am 28. Mai, wurde bei Rom der NATO-Russland-Rat gegründet — ein Format, in dem Moskau mit dem Bündnis Sicherheitsfragen an einem Tisch und auf Augenhöhe erörterte. Ende Mai 2003 kamen die Staats- und Regierungschefs der gesamten westlichen Welt zur Dreihundertjahrfeier St. Petersburgs zusammen.

Die Gründung des NATO-Russland-Rates: W. Putin, G. W. Bush, S. Berlusconi und NATO-Generalsekretär G. Robertson auf dem Luftwaffenstützpunkt Pratica di Mare bei Rom, 28. Mai 2002. Foto: www.kremlin.ru. Lizenz: CC BY 4.0 (Namensnennung www.kremlin.ru erforderlich).
Die Gründung des NATO-Russland-Rates: W. Putin, G. W. Bush, S. Berlusconi und NATO-Generalsekretär G. Robertson auf dem Luftwaffenstützpunkt Pratica di Mare bei Rom, 28. Mai 2002. Foto: www.kremlin.ru. Lizenz: CC BY 4.0 (Namensnennung www.kremlin.ru erforderlich).

Die Geschichte dieser Annäherung endete, wie sie endete — und über die Gründe des Zerwürfnisses sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Doch die Tatsache selbst bleibt bestehen, und sie ist fester als jede Deutung: In dem Moment, als Amerika Hilfe brauchte, leistete Russland sie als Erstes, rasch und im großen Stil — mit seinem Himmel, seinen Daten, seinem Einfluss in der Region. Die Erfahrung der Zusammenarbeit der beiden Mächte war weder Illusion noch Propaganda: Sie bestand in offenen Korridoren, übergebenen Dossiers und Soldaten, die eine gemeinsame Aufgabe lösten.

Solche Dinge veralten nicht — sie liegen im Archiv. Und Archive sind bekanntlich dazu da, dass man eines Tages zu ihnen zurückkehrt.